Auch bei Luftschadstoffen gibt es "Generationswechsel". Moderne Themen sind die Pyrethroide, die Lösemittelersatzstoffe in sogenannten lösemittelfreien Lacken und Farben, und immer noch die Künstlichen Mineralfasern (KMF).

Pyrethroide

Die Pyrethroide gehören zum Thema "Pestizide in Innenräumen". Nach den Skandalen um Lindan und das seit längerem verbotene PCP in Holzschutzanstrichen handelt es sich hier um eine Stoffgruppe, die in vielen Bereichen die Nachfolge der alten chemischen Keulen angetreten hat. Sie sollen unschädlich sein, weil sie chemisch einem Chrysanthemeninhaltsstoff, dem namengebenden natürlichen Pyrethrum, ähneln. Die rund 10 heute eingesetzten synthetischen Pyrethroide haben allerdings nur noch eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Pyrethrum. Dieses wurde chemisch umgebaut, v.a. durch Beifügung von Chlor oder Cyanogruppen, um weniger schnell zu zerfallen und gleichzeitig besser zu wirken als Pyrethrum (so ist etwa Deltamethrin 400 mal giftiger als DDT). Dass sie als harmlos gelten, liegt u.a. daran, dass sie durch den Darm und durch unverletzte Haut nicht an ihren Wirkungsort, die Nervenmembranen, gelangen können. Wenn sie aber direkt ins Blut gelangen (etwa durch winzige Hautrisse), dann wirken sie hochgiftig. Akute Symptome sind z.B. Zittern und Störungen der Bewegungskoordination, als chronische Symptome werden z.B. Gedächtnis- und Sprachstörungen, aber auch depressive Verstimmungen beschrieben.

In einer 1994 erschienenen "Umweltfibel" zweier Umweltmediziner ist u.a. folgendes Fallbeispiel einer Pyrethroid-Belastung beschrieben: "... seit Oktober 1989 alle 2-4 Wochen wegen Kakerlakenbefalls Pyrethroide versprüht" mit dem Ergebnis eines sehr hohen Pyrethroidgehalts im Hausstaub (g/kg-Bereich). "Bis ca. Mitte 1990 war der Patient nie ernstlich krank ... seit Ende 1990 zunehmend Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit, ... Augenbrennen, rasche Ermüdbarkeit, Gefühl wie unter einer Käseglocke zu leben ... Mai bis Juli 1991 Ortswechsel, in dieser Zeit allmähliche Besserung der Symptomatik ... August 1991 Rückkehr ... Ab Ende August Sprachstörungen ... stationäre Behandlung wegen Herzrhythmusstörungen".
Wichtig dabei: Alle neurologischen Tests wie "Messung von Nervenleitgeschwindigkeit, elektromyographische Untersuchungen, Ableitung von visuell-evozierten Potentialen, EEG u.ä. unauffällig. Eine Psychogenese der Beschwerden wurde diskutiert ... Expositionsstop Jan. 1993. Im Verlauf der nächsten Monate nur langsame Rückbildung der Beschwerden ... Psychogenese der Beschwerden wurde durch ein neurologisch- pychiatrisches Gutachten ausgeschlossen ..."

Von der vorbeugenden Anwendung im Forstbereich bis hin zur mottensicheren Ausrüstung von Wolltextilien reicht heute die Verbreitung von Pyrethroiden. Innenraumpestizide benötigen keine behördliche Zulassung und sind in Drogerien und Supermärkten leicht erhältlich. Damit ein Teppich das Wollsiegel erhält, muss er mit einem Pestizid - meist ein Pyrethoid - behandelt sein. So sind in zahllose Wohnungen große Mengen an Pyrethroiden gelangt. Bei hunderten von Hausstaubuntersuchungen hat das Bremer Umweltinstitut festgestellt, dass diese Wirkstoffe entgegen den Herstellerangaben keineswegs fest in der Faser gebunden sind: der Hausstaub enthielt bis zur 3-fach höhere Mengen des Wirkstoffs als die Teppichfasern. Ferner wurden Spitzenwerte gefunden, die 800-mal höher lagen als der Wert, den das Bundesgesundheitsamt 1992 als Orientierungswert für die Pyrethroidbelastung des Hausstaubs genannt hat.

In Holzschutzanstrichen wurde in den 90-er Jahren Lindan weitgehend durch Permethrin, aber auch andere Pyrethroide ersetzt: in über 70% der mit dem RAL-Zeichen versehenen Mittel sind sie enthalten.


BioLog-Empfehlung:

Chemischer Holzschutz in Innenräumen ist überflüssig, ebenso in den meisten Fällen chemische Schädlingsbekämpfung. Die Sanierung belasteter Oberflächen und Einrichtungsgegenstände nach einer großflächigen, ungezielten Anwendung (Elektroverdampfer!) kann sehr aufwendig und teuer sein.

Zur Feststellung einer Pestizid- Belastung bietet BioLog die Auswertung von Wisch-, Hausstaub- oder Materialproben an.

Glykole - Lösemittel in Wasserlacken

Lösemittel sind erforderlich, um die farbgebenden und sonstigen Lackbestandteile in einer streichbaren Form zu halten. Die klassischen Lösemittel (Toluol, Xylol etc) verflüchtigen sich beim Trocknen des Lacks relativ schnell in die Umgebungsluft. Da herkömmliche Lacke bis zu 70% Lösemittelanteil enthalten, entsteht dadurch in Innenräumen - für den Verarbeiter auch bei Außenanstrichen - eine hohe Luftbelastung mit diesen Stoffen (man muss sich vergegenwärtigen, dass dadurch von 1 Liter verstrichenem Lack bis zu 0,7 Liter in die Luft übergehen!).

Ersatzstoffe für diese Lösemittel fand man in der Stoffgruppe der Glykole. Diese haben den Vorteil, dass sie sich mit Wasser mischen, so dass ein großer Teil des Lösemittelgehalts schlicht durch Wasser ersetzt werden kann. Außerdem verdampfen Glykole wegen ihrer höheren Siedepunkte wesentlich langsamer als die herkömmlichen Lösemittel, wodurch beim Verarbeiten eine deutlich geringere Luftbelastung auftritt. Wasserlacke haben diese sowie noch einige weitere Eigenschaften (z.B. keine schwermetallhaltigen Pigmente) und dürfen als Gütesymbol den Blauen Engel tragen. Ungeachtet dessen, dass Wasserlacke oft als "lösemittelfrei" beworben werden, darf aber der Glykolanteil auch hier bis zu 10% betragen.

Eine gute Lösung, die den Verbraucher und Heimwerker von allen Problemen befreit? Lacke mit dem Blauen Engel werden wie der Kat am Auto oft so gesehen, aber leider liegen die Dinge nicht so einfach. Gewiss gelangen beim Verstreichen wegen der geringen Flüchtigkeit wesentlich weniger Lösemittel die Raumluft, und wegen der insgesamt viel geringeren Lösemittelmenge ist auch auf's Ganze gesehen die Luftverschmutzung bei diesen Lacken wesentlich kleiner als bei herkömmlichen Lacken. Aber abgesehen davon, dass auch diese Lacke schwer durchschaubare und in der Detailzusammensetzung ständig wechselnde Chemiecocktails sind und neben den grundlegenden Bestandteilen (Farbpigmente, Bindemittel, Lösemittel) zahlreiche Additive enthalten können (Benetzungsmittel, Topfkonservierer, Entschäumer u.a.) - auch Glykole sind gesundheitlich keineswegs unbedenklich, wenn sie in der Regel auch nicht die Giftigkeit der klassischen Lösemitteln erreichen. Außerdem sorgen sie dadurch, dass sie nur langsam verdunsten, für eine wesentlich länger anhaltende Raumluftbelastung. Während man bei herkömmlichen Lösemitteln davon ausgehen kann, dass sie sich nach einigen Monaten weitestgehend verflüchtigt haben, sind die Glykole jahrelang in der Raumluft nachweisbar und werden entsprechend eingeatmet. Einige sorgen dabei auch für eine anhaltende Geruchsbelästigung: zum Erfahrungsschatz von BioLog gehört ein Schrank, dessen Ausdünstungen noch ein halbes Jahr nach dem Kauf so stark waren, so dass Gäste baten "Macht bitte den Schrank zu, das ist ja penetrant!".

Nicht alle Glykole sind giftig. Bei einigen wird aber von z.T. starker Schädigung von Embryos oder der roten Blutkörperchen sowie von Störungen der Nierenfunktion und der Zellatmung berichtet.


BioLog-Empfehlung:

Wasserlacke sollten, auch wenn sie in vielen Fällen konventionellen Lacken vorzuziehen sind, nicht als gänzlich harmlos betrachtet und mit entsprechender Umsicht verwendet werden. Bei Verdacht oder anhaltender Geruchsbelästigung sollte mit einer Raumluftuntersuchung überprüft werden, welche Glykole ggf. vorliegen.

Künstliche Mineralfasern

In Hinblick auf Raumluftbelastungen durch faserförmige Stäube ist das Asbestproblem seit langem anerkannt, wobei bedeutsam ist, dass es trotz frühzeitiger Warnung durch einzelne Wissenschaftler 60 Jahre gedauert hat, bis nach der Einführung des Asbests dessen gesundheitsgefährdende Wirkungen anerkannt worden sind. Seither werden die Fehler der Vergangenheit mit Millionenaufwand saniert - und bei den KMF wiederholt.

In den 80'er Jahren sind die KMF, die als Dämmstoffe beinahe in jedem Haus zu finden sind, verstärkt in Verdacht gekommen. Einige Experten lasten ihnen das gleiche krebserzeugende und evtl. genschädigende Potential an wie den Asbestfasern, andere behaupten, sie seien harmlos, da sie wegen ihres unterschiedlichen Bruchverhaltens eine andere Faserstruktur aufwiesen als Asbest.

1995 ergaben sich interessante neue Aspekte. Auf der Grundlage von Untersuchungen u.a. des Bundesgesundheitsamts trat eine Verordnung in Kraft, die das krebserzeugende Potential auf bestimmte Fasergruppen beschränkt. Die Einstufung erfolgt anhand eines "Kanzerogenitätsindex" KI, der die Beständigkeit der Faser in biologischem Gewebe zu erfassen versucht (die Kanzerogenität = krebserzeugende Wirkung gilt für eine Faser bestimmter Größe als umso höher, je länger sie im Körper verweilt). Übersteigt der KI den Wert 40, geht man von einer so kurzen Verweildauer aus, dass diese Faserart nicht als krebserzeugend bewertet wird. Selbstverständlich werden seither KMF mit KI >40 als weder in der Herstellung noch in der Verwendung gesundheitsgefährdend beworben und verkauft.

Es wäre erfreulich, wenn das Thema "Gesundheitsgefährdung durch KMF" damit wenigstens für die neuen Produkte abgehakt sein könnte. Leider ist der KI aber höchst umstritten; z.B. wird kritisiert, dass der KI die Biolöslichkeit nur einiger spezieller Mineralfasern beschreiben könne, und auch das nur sehr grob. In bezug auf die generelle Anwendung des KI heißt es darum in einem Fachartikel*: "Zusammenfassend ist zu bewerten, dass der Index unwissenschaftlich und damit falsch ist".

* T. Knudsen (The Technical University of Denmark, Institute of Mineral Industry):
Index für die Bewertung von Mineralfasern (TRGS 905), Zbl Arbeitsmed 45 (1995), 237-41


BioLog-Empfehlung:

Nach wie vor sollten andere Dämm-Materialien bevorzugt werden. Einige der mittlerweile zahlreichen Alternativen haben eine deutlich höhere Lebensdauer als die KMF (was den höheren Preis wettmachen kann), sie werfen keine Entsorgungsprobleme auf (KMF müssen nach Gebrauch als Sondermüll entsorgt werden) und zeigen ein besseres Brandverhalten. Und schließlich: ist es eigentlich vertretbar, für das letzte Quäntchen an Gewissheit hinsichtlich des gesundheitsgefährdenden Potentials der KMF, das noch fehlt um das endlose Tauziehen zwischen Industrie und Gesundheitsschutz zu beenden, weiterhin zahllose tierquälerische Versuche anzustellen (den Tieren wird z.B. eine Mineralfasersuspension in die Lunge gespritzt)?

Wer wissen möchte, ob seine Wohnung/sein Büro mit KMF (oder Asbest) belastet ist: eine präzise Messung der Faserkonzentration in der Raumluft erfordert Spezialgeräte und eine lange Messdauer und ist dementsprechend teuer. Es gibt aber auch ein einfaches und preiswertes Verfahren, aus dem an Oberflächen abgelagerten Staub eine Orientierung über die Luftbelastung zu erhalten.